Cybercyn - ein Podcast und ein Roman

Cybercyn - ein Podcast und ein Roman

Bei Deutschlandfunk Kultur kann ein wirklich tolles Radiofeature gehört werden: Projekt Cybercyn - Chiles kypernetischer Traum von Gerechtigkeit. Cybercyn fasziniert auf mehreren Ebenen. Es handelt sich um eine Technikutopie für ein politisch sympathisches Projekt, es wirkt wie Science Fiction und ist ein Kind eines ziemlich durchgeknalltem Visionärs. Der Opsroom sorgt für leuchtende Augen bei Nerds aller Couleur. Und dennoch ist das Projekt auch von großem historischem Interesse, es kann als eine Vorform des Internets, wie wir es heute kennen, verstanden werden. Wie auch immer, das Feature hat mich an einen Roman erinnert, den ich vor Jahren begeistert gelesen habe und der ebenfalls von Cybersyn handelt. Mehr dazu weiter unten...

Cybersyn - Computernetzwerk zur Steuerung der Wirtschaft

Anfang der 70er Jahre wurde in Chile die Idee geboren, typische Probleme sozialistischer Planwirtschaft durch ein kybernetisches Netzwerk zu lösen. Tatsächlich arbeitete ein Team unter der Leitung des britischen Unternehmensberaters Stafford Beer an der Umsetzung. Sie bauten ein Netzwerk mit Fernschreibern auf, welches Daten aus Fabriken an die Zentrale nach Santiago übertrug. Dort wurden sie von einem IBM-Großrechner verarbeitet und sollten in anschaulichen Infografiken präsentiert im Opsroom dargestellt werden.

Beer und sein Cybercyn-Team

Während Beer und sein Team an ihrer futuristischen Vision arbeiteten, verschlechterte sich die politische Lage in Chile immer mehr. Das Projekt einer friedlichen und demokratischen, sozialistischen Transformation wurde von Seiten der alten Eliten und ihrer US-Verbündeten immer stärker sabotiert und bekämpft. Unternehmerstreiks und Terror sollten das Land für den angestrebten Putsch destabilisieren. Hier bekam Cybercyn dann seine reale Bedeutung, weil Fuhrunternehmer streikten, wurde mit dem Fernschreibernetzwerk die Logistik der eingesprungenen Fahrer und Gewerkschafter koordiniert. Zu einem Realitätscheck der eigentlichen Bestimmung des Netzwerkes kam es aber nie. Der Putsch gegen den demokratischen Sozialismus beendete Beers Vision einer kybernetisch vernetzten, sich selbst regulierenden Planwirtschaft.  

Sascha Reh: Gegen die Zeit

Im Roman Gegen die Zeit von Sascha Reh wird die faszinierende Geschichte des Cypercyn-Projektes aus der Perspektive des deutschen Industriedesigners Hans Everding erzählt. Der 68er Everding ergreift nach dem Niedergang der westdeutschen Studentenbewegung die Gelegenheit bei dem chilenischen Projekt mitzuarbeiten und ist für den Aufbau des futuristischen Opsroom verantwortlich. Der Roman bietet unterhaltsam Einblick in die technischen Schwierigkeiten die das Team zu lösen hat. Dabei bewegen sich die Idealisten und vor allem ihr Leiter Beers immer hart an der Grenze zum Größenwahn, während die reale Situation Chiles immer schwieriger wird. Ausdruck dieser Entkoppelung von der Realität ist die Gestaltung der futuristischen Steuerungszentrale, die einem Film von Kubrick zu entspringen scheint. Faszinierend auch die Beschreibung der Schwierigkeiten die bei der Verarbeitung der Kunststoffe für die Sessel auftreten. Industriedesign war damals ein neues Feld, die Fähigkeit Kunststoffe zu allen möglichen Formen zu verarbeiten noch keineswegs selbstverständlich.

Ausgangspunkt des Romanes ist der Tag des Pinochet-Putsches. Der deutsche Staatsbürger Everding ist durch seinen Pass relativ vor Verfolgung geschützt. Es entwickelt sich ein Wettrennen um die Datenbänder von Cybercyn. Diese dürfen der Junta keinesfalls in die Hände fallen, da sie zahlreiche Beteiligte verraten würden. Die Geschichte mit ihren politischen, technischen und persönlichen Implikationen wird im Roman in Rückblicken des Protagonisten erzählt während dieser damit beschäftigt ist die Bänder und seine Haut zu retten. So bietet das Buch zusätzlich zur Geschichte des faszinierenden Cybercyn-Projektes die Spannung eines Thrillers und zusätzlich eine Liebesgeschichte.

Ich habe den 2015 erschienenen Roman mit viel Genuss gelesen, die Mischung aus historischem Material, Technikfaszination, Beziehungsgeflecht und Spannung ist aus meiner Sicht sehr gelungen.

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